Mädchen liegt mit einem Hund auf einer Wiese und trägt zwei unterschiedliche Uhren an den Handgelenken.

Sich selbst treu bleiben – die Geschichte von den zwei Uhren

In meiner Arbeit mit Tieren erlebe ich seit vielen Jahren etwas, das mich immer wieder fasziniert: Unsere Tiere führen uns zu uns selbst. Ein Tiergespräch beginnt vielleicht mit einer Frage an das Tier, doch nicht selten zeigt seine Antwort auch etwas über seinen Menschen – über dessen Ängste und Bedürfnisse, über alte Gewohnheiten, über Grenzen oder darüber, wo jemand längst spürt, dass etwas in seinem Leben nicht mehr wirklich stimmt.

Auch in der energetischen Arbeit begegnet mir immer wieder diese Frage: Wie können wir unserer eigenen Wahrnehmung und unserem inneren Rhythmus mehr vertrauen und gleichzeitig mitten in diesem ganz normalen menschlichen Leben bleiben – mit Beziehungen, Terminen, Verpflichtungen und Verantwortung?

Genau daraus ist die folgende Geschichte entstanden. Sie handelt ausnahmsweise nicht von einem Tier, sondern von uns Menschen und von der Frage, wie wir uns selbst treu bleiben können, ohne uns aus unserem ganz normalen Leben zurückzuziehen. Und vielleicht führt auch diese Geschichte am Ende dorthin, wohin uns unsere Tiere so oft führen: ein Stück näher zu uns selbst.

Ich lese Dir die Geschichte vor:

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Weitere Informationen

Ein ungewöhnliches Geschenk

Als Ylaya sieben Jahre alt wurde, schenkte ihre Großmutter ihr eine Uhr. Eigentlich waren es sogar zwei.

Die erste lag in einer kleinen roten Schachtel. Sie hatte ein schmales Lederarmband, ein helles Zifferblatt und zwei feine Zeiger, die leise vor sich hin tickten. Ylaya konnte gerade erst richtig die Uhr lesen, und ihre Großmutter zeigte ihr geduldig, wie sie erkennen konnte, wann die Schule begann, wann es Zeit fürs Abendessen war und wann sie nach Hause kommen sollte.

Die zweite Uhr lag in einer alten, mit dunkelblauem Samt ausgeschlagenen Schachtel und sah auf den ersten Blick ebenfalls wie eine Armbanduhr aus. Doch als Ylaya sie herausnahm, bemerkte sie sofort, dass etwas fehlte: „Oma, die ist kaputt!“ Ihre Großmutter lachte, denn die Uhr hatte weder Zahlen noch Zeiger. Unter dem gewölbten Glas lag nur eine helle, fast perlmuttfarbene Fläche.

Sie zeigt eine andere Zeit“, sagte ihre Großmutter.

Ylaya runzelte die Stirn. „Welche denn?

Deine.“

Mehr erklärte sie nicht.

Anfangs trug Ylaya die beiden Uhren überallhin mit sich. Die normale Uhr an ihrem linken Handgelenk, die geheimnisvolle am rechten. Schon bald bemerkte sie, dass mit der zweiten Uhr tatsächlich etwas Seltsames geschah. Wenn Ylaya nach der Schule auf der Wiese hinter dem Haus lag und in den Himmel schaute, wurde sie warm. Manchmal begann die helle Fläche unter dem Glas sogar ganz zart zu schimmern.

Dasselbe geschah, wenn sie im Wald auf einem umgestürzten Baumstamm saß und dem Wind in den Blättern lauschte, wenn sie mit Nayel, dem alten Hund ihrer Großmutter, im Gras lag und seinen Kopf auf ihrem Bauch spürte oder wenn sie malte und darüber vollkommen vergaß, dass draußen längst die Dämmerung hereingebrochen war. In solchen Momenten dachte Ylaya nicht darüber nach, wie spät es war oder was als Nächstes kommen würde. Sie war einfach da.

Irgendwann rief ihre Mutter dann aus dem Haus, dass sie losmüssten, und ein Blick auf die andere Uhr zeigte Ylaya, dass es tatsächlich schon halb sechs war. Dann sprang sie auf und rannte nach Hause.

Lange kamen die beiden Uhren wunderbar miteinander aus.

Als Ylaya ihre eigene Zeit verlor

Doch Ylaya wurde älter und ihr Leben voller. Es gab immer mehr Zeiten, zu denen sie irgendwo sein musste: Schule, Hausaufgaben, Verabredungen, Geburtstage, später Ausbildung und Arbeit. Gleichzeitig gab es immer mehr Menschen, die etwas von ihr erwarteten. Ylaya lernte, zuverlässig zu sein, Versprechen zu halten, zu helfen, wenn jemand sie brauchte, freundlich zu bleiben und andere möglichst nicht zu enttäuschen.

Sie war gut darin. Sehr gut sogar.

Nur ihre zweite Uhr verhielt sich zunehmend merkwürdig. Manchmal wurde sie kalt, wenn Ylaya „Ja“ sagte. Manchmal blieb sie dunkel, obwohl alle anderen offenbar zufrieden mit ihr waren. Und manchmal begann sie ausgerechnet dann zu leuchten, wenn Ylaya etwas tun wollte, von dem sie inzwischen glaubte, dass sie es eigentlich nicht tun durfte:Nein sagen, allein sein, einen Nachmittag freihalten, nicht ans Telefon gehen oder einfach einmal nichts tun.

Das ärgerte Ylaya. Eines Tages flüsterte sie der Uhr zu: „Du verstehst das nicht. Ich kann doch nicht immer nur machen, was ich will.“

Die Uhr antwortete natürlich nicht. Als Ylaya an diesem Abend zu einer Verabredung ging, obwohl sie sich eigentlich nur nach Ruhe sehnte, wurde sie wieder ganz kalt. Da nahm Ylaya sie ab, legte sie in die dunkelblaue Schachtel, schob die Schachtel ganz nach hinten in eine Schublade und schloss sie.

Die Jahre vergingen. Ylaya wurde eine Frau, auf die man sich verlassen konnte. Wenn sie etwas versprach, tat sie es. Wenn jemand Hilfe benötigte, war sie da. Ihr Kalender war voll, ihre Tage gut organisiert, und sie vergaß kaum einen Geburtstag. Sie wusste meistens genau, was als Nächstes zu tun war.

Nur wusste sie immer seltener, was sie selbst eigentlich wollte. Manchmal stand sie morgens mit einer Tasse Kaffee in der Küche und hatte das seltsame Gefühl, dass ihr Tag schon vollständig verteilt war, bevor sie überhaupt gespürt hatte, wie es ihr ging. Aber so war das Leben nun einmal, dachte sie. Schließlich konnte man nicht einfach alles stehen und liegen lassen, nur weil einem gerade danach war.

Die Uhr, die auf sie gewartet hatte

Bis zu jenem Sonntag im Herbst.

Ylaya suchte eigentlich nur nach einem alten Foto und räumte dafür eine Schublade aus, die sie seit Jahren nicht geöffnet hatte. Ganz hinten entdeckte sie die kleine dunkelblaue Schachtel. Sie wusste sofort, was darin lag, und zögerte einen Moment, bevor sie den Deckel öffnete.

Die Uhr sah noch genauso aus wie früher. Keine Zahlen, keine Zeiger, nur diese stille, helle Fläche. Ylaya nahm sie vorsichtig in die Hand – und plötzlich wurde sie warm.

So warm, dass Ylaya erschrak.

Sie setzte sich auf den Boden und hielt die Uhr zwischen ihren Händen. Mit einem Mal erinnerte sie sich an das kleine Mädchen auf der Wiese, an den geliebten Hund Nayel, an den Wald und an diese endlosen Nachmittage, an denen sie überhaupt nicht darüber nachgedacht hatte, was sie sollte, müsste oder was jemand von ihr erwartete. Sie erinnerte sich auch an die Worte ihrer Großmutter: „Sie zeigt eine andere Zeit. Deine.“

Ylaya spürte, wie ihr die Tränen kamen. Nicht, weil ihr bisheriges Leben falsch gewesen wäre. Ganz und gar nicht. Sie liebte Menschen in diesem Leben, hatte Verantwortung übernommen, Versprechen gehalten und vieles getan, das ihr wirklich wichtig gewesen war. Doch irgendwann hatte sie aufgehört, zu unterscheiden. Aus einem liebevollen „Ja“ war viel zu oft ein automatisches Ja“ geworden, aus Verantwortung manchmal Schuld und aus Verbundenheit die Vorstellung, für das Wohlergehen anderer zuständig zu sein.

In den nächsten Wochen begann Ylaya, die zweite Uhr wieder zu tragen. Zunächst vereinfachte das ihr Leben keineswegs, denn nun bemerkte sie überhaupt erst, wie häufig die Uhr kalt wurde. Wenn sie sofort auf eine Nachricht antwortete, obwohl sie Ruhe benötigte. Wenn sie die Sorgen eines anderen mit nach Hause nahm. Wenn sie etwas übernahm, nur weil sie Angst hatte, jemand könnte enttäuscht von ihr sein. Oder wenn sie „Ja“ sagte, während sie in sich längst ein deutliches „Nein“ spürte.

Doch nach einiger Zeit machte Ylaya eine überraschende Entdeckung. Die Uhr wurde keineswegs jedes Mal kalt, wenn sie etwas tat, worauf sie gerade keine Lust hatte. Als sie eines Abends müde zu einer Freundin fuhr, weil sie ihr etwas versprochen hatte und diese Freundin ihr wichtig war, blieb die Uhr warm. Als sie früh aufstand, um jemanden zum Bahnhof zu bringen, ebenfalls. Und als sie einen Termin wahrnahm, obwohl sie an diesem Morgen lieber zu Hause geblieben wäre, schimmerte die helle Fläche sogar ganz leise. Ylaya verstand das nicht.

Mädchen und ältere Frau sitzen einander auf einer Wiese gegenüber und tragen jeweils zwei unterschiedliche Uhren.
Was zunächst wie ein ungewöhnliches Geschenk erscheint, wird im Laufe eines Lebens zu einer Erinnerung an den eigenen inneren Rhythmus.

Was ihre Großmutter ihr wirklich geschenkt hatte

Einige Tage später besuchte sie ihre Großmutter, die inzwischen sehr alt geworden war. Sie setzte sich zu ihr an den Tisch, schob die Ärmel ein wenig zurück und zeigte ihr die beiden Uhren.

Ich dachte immer, ich müsste mich entscheiden“, sagte Ylaya.

Ihre Großmutter betrachtete sie lange. Dann deutete sie auf die Uhr mit den Zeigern und sagte: „Die hilft Dir, in dieser Welt zu leben.“ Anschließend berührte sie mit einem Finger die andere. „Und die hilft Dir, Dich darin nicht zu verlieren.“

Ylaya erzählte ihr von ihrer Entdeckung. Davon, dass die geheimnisvolle Uhr manchmal warm blieb, obwohl sie etwas tat, was sie in diesem Moment eigentlich lieber nicht getan hätte.

Natürlich“, sagte ihre Großmutter. „Deine eigene Zeit bedeutet doch nicht, immer nur das zu tun, wonach Dir gerade ist.“

Was bedeutet sie dann?

Ihre Großmutter lächelte. „Zu wissen, warum Du etwas tust.“

Ylaya sah lange auf ihre beiden Handgelenke. Und während sie dort saß, verstand sie langsam, was ihre Großmutter ihr vor so vielen Jahren geschenkt hatte.

Es ging nie darum, den Kalender wegzuwerfen oder keine Verpflichtungen mehr zu haben. Es ging auch nicht darum, nur noch dem spontanen eigenen Impuls zu folgen und zu erwarten, dass alle anderen damit zurechtkommen. Die zweite Uhr erinnerte sie vielmehr daran, wahrzunehmen, aus welchem inneren Ort heraus sie etwas tat. Sagte sie „Ja“, weil sie wirklich „Ja“ meinte, oder weil sie Angst hatte, jemanden zu enttäuschen? Übernahm sie gerade Verantwortung, oder trug sie etwas, das eigentlich gar nicht zu ihr gehörte? Blieb sie mit einem Menschen verbunden, oder verließ sie dabei sich selbst?

Beide Uhren dürfen bleiben

Von diesem Tag an trug Ylaya wieder beide Uhren.

Ihr Kalender blieb. Ihre Termine blieben. Auch ihre Beziehungen, ihre Versprechen und all die kleinen und großen Verantwortlichkeiten ihres Lebens verschwanden nicht. Doch sie begannen, einen anderen Platz einzunehmen. Ein Termin durfte einfach ein Termin sein, der erst dann ihre Aufmerksamkeit brauchte, wenn seine Zeit gekommen war. Ein „Nein“ durfte manchmal ein ehrliches „Nein“ sein, ohne dass Ylaya daraus sofort eine Schuld machte. Und ein „Ja“ durfte auch bedeuten, etwas für einen Menschen zu tun, obwohl sie in diesem Augenblick lieber auf dem Sofa geblieben wäre – solange sie wusste, dass dieses „Ja“ wirklich ihres war.

Mit der Zeit musste Ylaya immer seltener auf ihre beiden Handgelenke schauen. Sie begann, den Unterschied zu spüren.

Und irgendwann begriff sie etwas, das sie als kleines Mädchen noch nicht hatte wissen können: Die beiden Uhren waren niemals Gegner gewesen. Keine von ihnen hatte verlangt, dass Ylaya die andere ablegte. Sie selbst hatte irgendwann geglaubt, eine müsse gewinnen.

Vielleicht kennen wir diesen Gedanken auch aus unserem eigenen Leben. Wir glauben, uns entscheiden zu müssen zwischen unserem eigenen Rhythmus und den Menschen, die uns wichtig sind, zwischen Freiheit und Verantwortung, zwischen Rückzug und Verbundenheit oder zwischen dem, was wir in unserem Innersten längst wahrnehmen, und diesem ganz normalen menschlichen Leben mit seinen Terminen, Aufgaben und Vereinbarungen.

Dabei könnte die viel spannendere Frage sein, wie unser ganz persönliches „Sowohl-als-auch“ aussieht. Denn vielleicht brauchen wir tatsächlich beide Uhren: eine, die uns daran erinnert, wann wir irgendwo sein sollen – und eine, die dafür sorgt, dass wir uns selbst nicht vergessen, wenn wir dort ankommen.

Zwei Handgelenke mit einer klassischen Uhr und einer zweiten, zeigerlosen, sanft leuchtenden Uhr.
Die eine Uhr hilft uns, in dieser Welt zu leben. Die andere erinnert uns daran, uns darin nicht zu verlieren.

Möchtest Du solche Gedanken öfter mitnehmen?

Hast Du Dich in Ylaya und ihren beiden Uhren an irgendeiner Stelle wiedererkannt? Vielleicht gibt es auch in Deinem Leben Situationen, in denen Deine beiden „Uhren“ ganz unterschiedliche Zeiten anzeigen. Schreib mir sehr gerne unten in die Kommentare, was die Geschichte in Dir ausgelöst hat oder welcher Gedanke daraus bei Dir besonders nachklingt. Ich freue mich sehr, von Dir zu lesen.

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Hier schreibt Stéfanie Renou

Tierkommunikation mit Stéfanie Renou

Ganzheitliche Tierkommunikatorin, Kursleiterin und Ausbilderin, Beraterin, Mentorin, Coach und Autorin von Chloés Buch.

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